Zu Bethlehem geboren

 

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Immer tiefer gehen wir hinein in die dunkle Jahreszeit, halten von innen dagegen mit den Lichtern in unseren Häusern und den Ofenfeuern, an denen wir abends sitzen, tragen die Bilder des Sommers in uns, die von heißen Tagen und blühenden Hortensien sagen, von all dem Schwimmen und Laufen und Radeln im Freien.

Ich stelle Jahrhunderte altes Porzellan auf meine Tische und schlürfe den Kaffee und die Zeit, meine und die vergangenen.
Wovon können wir leben, womit uns retten in Zeiten wie diesen? Der Blick muss gar nicht über die Landesgrenzen oder den Atlantik hinausreichen. Schon in Sachsen geht er sorgenvoll vor Anker, und dann hat man von den Erdogans, Assads und Trumps noch gar nicht gesprochen.
Woran können wir glauben? Was müssen wir tun? Wie sollten wir denken? Was wollen wir sagen?

Immer wieder muss es gelingen, in einer hochkomplexen, globalisierten Welt das richtige Verhältnis von Teilnahme an gesellschaftlichen und politischen Prozessen und dem regenerierenden Rückzug zum versilberten Milchkännchen zuhause auszubalancieren. Wie kann man die Waage halten zwischen allen Gräueln, die wir sehen müssen und sollten auf der ganzen Welt, und der Lebkuchenbäckerei in zentral geheizten Küchen?

So ist er, der Mensch. Der Planet. Das Leben. Aber auf was können wir Einfluss haben und in welchem Sinne? Die Antworten werden nicht klarer, je älter ich werde. Es ist wohl eher so, dass die Fragen immer komplizierter werden. Umso mehr brauche ich heißen Kaffee, rote Rosen, gute Freunde, manches Buch und einen warmen, geliebten Hund. Um auszuhalten, was nicht zu ändern ist und noch nicht einmal zu erklären.

Auch jene alte Geschichte wärmt mich wieder von innen – vom Kind in der Krippe, von Ochs und Esel in einem Stall in kalter Nacht. Der Atem und die Wärme der Tiere werden die Luft in dem zugigen Schuppen ein wenig erwärmt haben, so dass das Baby überleben konnte und später so interessante Dinge tun und sagen, dass Paulus ganz außer sich war – und viele andere mit ihm. Wie gut, dass Herodes ihn nicht gekriegt hat, den Kleinen, weil seine Eltern mit ihm die Flucht antraten, sein nacktes Leben zu retten. Es ist gelungen!

Alt ist er trotzdem nicht geworden. Es ist immer gefährdet, das Echte, Authentische, das freie Bekenntnis zu Gewaltlosigkeit und Liebe. Angst und Unsicherheit gehen dagegen an, der hilflose Wille zur Macht und der scheinbar überlebensnotwendige Drang zur Zerstörung. Das schmerzliche Gefühl, zu wenig bekommen zu haben von irgendwas, treibt die traurigsten Blüten. Anerkennung, Einfluss, Erdöl, Zuwendung, Territorium, Entscheidungsspielraum – von den als Kindern unterversorgt Gebliebenen geht später die größte Gefahr aus. Wünschen wir uns und allen Kindern da draußen, dass wir immer hinreichend geliebt werden als die Menschen, die wir sind, dass jemand uns sieht und uns zuhört, merkt, was wir brauchen, und es uns geben kann.

Als Zeitungsleserin und Beratungslehrerin habe ich mich mit der Psychologie von jugendlichen Amoktätern beschäftigt. Es ist eine Geschichte nicht nur handfester psychiatrischer Diagnosen, sondern auch chronischer Unterversorgtheit, was stabile soziale Beziehungen und die Wahrnehmung durch andere Menschen angeht.
Auch deshalb bin ich wohl so gerne Lehrerin. Ich weiß, wer mich genährt hat, als ich Kind war, wer mir zuhörte und die innere Offenheit hatte zu sehen, was für ein Mensch ich war. Viele waren es nicht. Aber was sie mir sein konnten, wird für immer das Beste an mir sein.

Und so haben die Könige aus dem Morgenland auch in diesem Jahr meine volle Unterstützung, wenn sie weite Wege auf sich nehmen, um einem Kind, das sie noch nicht einmal kennen, wertvolle Geschenke zu bringen. Jeder Mensch ist es wert, kein Geschenk zu teuer, kein Weg zu weit.

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Eine Antwort

  1. Sehr schön geschrieben, es gefällt mir sehr gut. Das sollte man als Motto für unsere Zeit nutzen.
    All die Leute, die hetzen, sollten mal darüber nachdenken. Hetze ist so etwas von falsch.

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