Von Angesicht zu Angesicht – Porträtshooting bei Ronald

Wir kennen uns lange, und er hat mich schon einige Male geknipst.
Immer wenn der Abend schon spät war und das eine oder andere Glas Rotwein getrunken, allerlei gesprochen worden war und gelacht.
Ronald macht die schönsten Porträts, die ich je gesehen habe. Gnadenlos ausgeleuchtet, gestochen scharf und ohne die geringste Absicht, graue Schläfen, diverse Hautverfärbungen oder die Falten um die alternden Augen herum zu kaschieren.
So ist es eben.
So bin ich eben.
Jetzt. Neben dem knisternden Ofenfeuer in Ronalds Küche, als wir beschließen, Fotos zu machen, aufstehen und in sein Studio gehen.
Als Modell bin ich verlegen. Irgendwie auszusehen war nie meine erste Aufgabe. Ich war immer klug und schnell und wortreich.
Jetzt aber gilt es, die Klappe zu halten und als genau die aus meinem Gesicht herauszugucken, die ich bin.
Gar nicht so einfach.
Aber Ronald hilft mir. Er hat Erfahrung mit unsicheren Modellen. Und er ist ein alter Freund. Er weiß, welche blöden Sprüche mir helfen werden zu lachen, und dass ich richtig in Fahrt komme, wenn mein Hund mit aufs Bild darf.


Es dauert lange, ist anstrengend und macht irgendwie auch Spaß. Verschiedene Klamotten und Accessoires können das Bild total verändern.

Früher musste ich bei den Shootings meistens ernst gucken, aber dieses Mal sagt Ronald, als ich nachfrage, ach, lass mal, du bist für heiter-dynamisch einfach viel besser zu gebrauchen.

Damit kann ich leben. So fühle ich mich ja auch meistens.
Am Ende wühlen wir uns noch stundenlang durch Hunderte Bilder, wägen und wählen.

Er hat wieder eine ganze Menge Gesichter aus mir herausgeholt, mein Freund, der Fotograf.


Und doch bin ich immer die, die ich bin. Meine Schüler werden mich ebenso erkennen wie meine Freunde, mein Reformhaus oder die namenlosen Hundeläufer am Kanal. 

Ich bin’s. In all diesen Visagen!

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