Schwimmen.

Es ist noch nicht mal mehr eine Entscheidung.
Ich stehe auf und ziehe den Badeanzug an, lasse den Hund in den Garten und mache Kaffee. Später radele ich durch die erwachende Stadt. Der erste Schwung Schüler ist schon wieder runter von den Straßen.
Im Freibad angekommen sehe ich mit dem schnellen Blick auf das Becken: Ich werde eine Bahn für mich allein haben.
Ruckzuck bin ich geduscht und tauche ein. Wie im Jubel reiße ich bei jedem Zug die Arme aus dem Wasser, immer im Wechsel. Rückenkraul.
Der ostfriesische Himmel über mir.

Dann kommen die Gedanken.
Der Unterricht morgen, der Besuch am Nachmittag, der Streit mit dem Freund, die OPs im Frühjahr.
Was es auch ist: Ich schwimme.
Das Wasser trägt mich. Es funkelt im Licht des frühen Tages.
Später wird man mir Südseeurlaube unterstellen, denn meine Haut hat manchen warmen Strahl abgespeichert. Aber nein. Die Sonne über Ostfriesland ist mir Sommer genug.

Zwei Bahnen weiter schwimmt Ute.
„Ist es nicht herrlich? Was haben wir’s gut!“, werden wir gleich in der Dusche zu einander sagen. Geteilte Freude ist doppeltes Schwimmen.

Nach zwanzig Minuten legt sich die Frau, die schwimmt wie ein Walross und deren Namen ich nicht kenne, mit auf meine Bahn. Ihre Bewegungen sind von erstaunlicher Langsamkeit, aber nicht ohne Kraft.
Immer wieder wartet sie am Beckenrand. Ich weiß, dass sie mich gern in ein Gespräch verwickeln möchte, denn wir kennen uns schon lange. Aber sie jammert. Immer erzählt sie lange Geschichten, in denen das Leben nicht gut zu ihr war.
Ich grüße sie freundlich und tauche ein, stoße mich kräftig am Beckenrand ab und bin schon wieder weg.

Nach einer Stunde im Wasser könnte ich mühelos einfach weiterschwimmen, aber die Arbeit ruft. Auf dem kurzen Weg vom Becken in die Dusche funkeln die Tropfen auf meiner Nase wie ein Diamant.

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